“Wenn du schnell vorankommen willst – geh allein. Wenn du weit kommen willst – geh gemeinsam.”
– Herkunft unbekannt, oft einem afrikanischen Sprichwort zugeschrieben
Gerade in diesem Augenblick tut sich etwas sehr Aufregendes in der Welt der Renaturierung, und du (ja, genau du!) solltest davon erfahren! Im vergangenen Jahr hat das Forschungsteam von „Ein Living Lab für sozial-ökologische Renaturierung im Westen Ruandas“ – Teil eines größeren Projekts, das sich mit sozial-ökologischen Systemen zu Unterstützung der Widerherstellung von Ökosystemen im ländlichen Afrika befasst – sein Living Lab (Reallabor) in Rutsiro ins Leben gerufen.
Es gibt sogar einen Artikel auf diesem Blog über den Start des Livings Labs! Du findest ihn hier, zusammen mit weiteren Informationen zum Hintergrund und den bisherigen Phasen des Projektes (es könnte hilfreich sein, den ersten Artikel zuerst durchzulesen, um den vollen Überblick zu gewinnen). Nun aber wollen wir dich über die jüngsten Ereignisse auf den neuesten Stand bringen und dir einen Einblick in die Zukunft des Projektes geben. Also lehn‘ dich zurück und genieße die folgende Reise durch den Prozess des Living Labs in Rutsiro!
Zuerst: Trotzdem eine kurze Zusammenfassung
Wenn du gerade den ersten Artikel zum Start des Projektes gelesen hast, dann weißt du bereits, dass es beim Living Lab darum geht, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis zu bauen in Ruandas Bemühungen Ökosysteme zu renaturieren und lokale Gemeinschaften im Rahmen der Agroforstwirtschaft wieder mit einheimischen Baumarten zu verbinden. Dazu verfolgt das Team einen Prozess der gemeinsamen Gestaltung (Co-Creation), um sozial-ökologische Experimente auf den Feldern der Bauern in Rutsiro durchzuführen. Im Wesentlichen geht es dabei um die Pflanzung von Bäumen als Teil eines agroforstwirtschaftlichen Ansatzes zur Renaturierung.
Wer steckt hinter dem Team? Es gibt rund 50 transdisziplinäre Akteure aus verschiedenen Sektoren, die in zwei unterschiedlichen Gesprächsrunden (roundtables) zusammenarbeiten. Jede Gesprächsrunde basiert auf zwei Governance-Modellen, die jeweils eine eigene Praxisgemeinschaft im Bereich der Renaturierung repräsentieren. Eine Gruppe wird von NGOs getragen und vereint repräsentative Akteure der Renaturierung aus Regierung, NGOs, Wissenschaft und Privatwirtschaft. Die andere Gruppe wird fast ausschließlich von Landwirt*innen getragen: Lokale Landwirt*innen, die auch als traditionelle Heiler*innen, Imker*innen, Lehrer*innen oder Tischler*innen tätig sind, sowie Gemeindevorsteher*innen und lokale Berater*innen.
Bisher haben die Gemeinschaften an regelmäßigen Workshops teilgenommen, in denen die Mitglieder Codes of Conduct, Kommunikationsstrategien, Erwartungen und mögliche Beiträge festlegten. Was uns jetzt besonders interessiert, ist das, was in den letzten Workshops im Februar dieses Jahres geschah.
Den Rahmen setzen: Die Auswahl der Baumarten
Im Februar fand in beiden Gruppen ein Workshop statt, in dem die Teilnehmer*innen die Renaturierungsexperimente gemeinsam konzipierten, indem sie die für das Gebiete geeigneten einheimischen und exotischen Baumarten priorisierten. Als Ergebnis haben nun beide Governance-Modelle eine Liste mit den von ihnen priorisierten Baumarten für die Experimente. Diese Arten sind etwa zu 80 % einheimisch und zu 20 % exotisch, was tatsächlich einen radikalen Unterschied zu der Tatsache darstellt, dass bislang die meisten in Westruanda gepflanzten Bäume nicht einheimisch sind. Dies führt zu einem Verlust and Biodiversität und Ökosystemleistungen sowie zu einer Verarmung der Landschaften (Nyiramvuyekure et al. 2026).
Interessanterweise haben beide Gruppen zwar den gleichen Workshop gemacht, und doch sind sie zu einer leicht unterschiedlichen Liste an Baumarten gelangt, die sie pflanzen möchten. Jedes Governance-Modell ist einer bestimmten Region zugeordnet, in der Standorte für die Living Labs ausgewählt wurden, um Renaturierungsexperimente – einschließlich der Baumpflanzungen – durchzuführen.
Ein Blick in die Workshops
Als Wissenschaftler*innen und Hauptforscher*innen des Ruanda-Forschungsprojekts nahmen Dr. William Apollinaire, Prof. Dr. Vicky Temperton und (für einen Tag) Prof. Dr. Stefan Sieber an den Workshops teil.
Ein Konferenzraum war der Treffpunkt am ersten Tag des Workshops – der für jedes Governance-Modell an unterschiedlichen Terminen stattfand. Hier geschah die Magie der Auswahl und Priorisierung der Baumarten auf Grundlage der Werte, die die Stakeholder jeder Art zugewiesen hatten. Diese Werte reichten von ökologischen bis hin zu sozioökonomischen Kriterien, Überlebensraten, der Verfügbarkeit von Pflanzmaterial und der Kompatibilität mit den am häufigsten angebauten Nutzpflanzen im Westen Ruandas. Am Ende des Tages erblickte die Rangliste der Baumarten, die die Gruppen pflanzen möchten, das Licht der Welt.
So sah der erste Tag für beide Governance-Modelle aus:




Am nächsten Tag machten sich die Gruppen vor Ort an die Arbeit. Sie begaben sich zu ihren Living Lab – Standorten und trafen sich mit den lokalen Landbesitzer*innen der Flächen, auf denen die Bäume gepflanzt werden sollen. Zudem trafen sie sich auch mit den Wissenschaftler*innen, die am Forschungsprojekt beteiligt sind, von denen einige das Living Lab besuchten, um sich mit diesem Aspekt des Gesamtprojekts vertraut zu machen.

Diese Treffen vor Ort waren sehr entscheidend, zum einen, damit die Gemeinden Kontak zu den Wissenschaftler*innen aufnehmen konnten, aber auch, um sich mit den Landbesitzer*innen über die ausgewählten Baumarten sowie das Verhältnis von einheimischen und exotischen Arten zu einigen, die in den Living Lab-Experimenten verwendet werden sollen. Nach einigen Anmerkungen, Vorschlägen und Anpassungen wurde eine endgültige Einigung erzielt. Und da war er – der Entwurf für die Living Lab-Experimente, gemeinsam erstellt von lokalen Akteuren und Wissenschaftler*innen!
Eindrücke vom zweiten Tag vor Ort:



Was diese Workshops so besonders machte
“Ich kann das Momentum spüren!” – Dr. William Apollinaire
Diese Reise war nicht nur entscheidend für die weitere Gestaltung der Renaturierungsexperimente, sondern auch – und vielleicht sogar in erster Linie – von großem Wert für den zwischenmenschlichen Austausch. Hört man Dr. William Apollinaire, Postdoc-Forscher und Koordinator der Living Lab Forschung im Westen Ruandas über seine Highlights der Workshops im Februar sprechen, dann wird schnell klar, dass der gesamte Prozess allen, die am Living Lab beteiligt sind, viel bedeutet. Das wahre Juwel war es, zu sehen, wie sehr sich die Stakeholder vor Ort engagieren. Der partizipative Prozess, die Einbindung und das Empowerment der Menschen. Momente wie spontan gemeinsam Singen und Tanzen, das Genießen und der Austausch kultureller Aspekte. All dies führt zu einer erfolgreichen Co-Creation. Laut Dr. William Apollinaire sind die Stakeholder voll und ganz engagiert und gespannt auf die Ergebnisse des Living Labs. „Es war interessant zu sehen, wie sich Menschen, wenn sie ausreichend empowert sind, aktiv in den kollaborativen oder partizipativen Prozess einbringen können.“
Aber wie schafft man es, so viel Engagement zu erzeugen?
“Menschen mit anderen Stakeholder zusammenbringen und gemeinsam Mahlzeiten teilen, alle gleich behandeln.“ – Dr. William Apollinaire
Es war nicht schwer, Menschen für das Projekt zu gewinnen und ihr Engagement langfristig aufrechtzuerhalten, da die Initiatoren des Living Labs vor allem Personen auswählten, die bereits an Renaturierungen beteiligt waren. Der Schlüssel jedoch liegt darin, jede Person wertzuschätzen, die Teil des Prozesses ist. Die Stimmen aller Beteiligten zu wertschätzen. Auf diese Weise wurde ein bestärkendes Umfeld geschaffen, in dem sich alle Stakeholder respektiert fühlen konnten. Dazu gehört auch, die Logistik so zu organisieren, dass sichergestellt ist, dass alle einbezogen werden, beispielsweise durch die Erleichterung von Kommunikation. Die Erwartungen und Ziele aller zu verstehen, sodass jede Person sowohl am Entwurf als auch an der Planung und Umsetzung beteiligt ist: So funktioniert Co-Creation. So entstand dieses Momentum des Engagements.
Was in Zukunft auf uns zukommt
Jetzt bist du auf dem neusten Stand, was derzeit im Living Lab vor sich geht und natürlich wollen wir dir die spannenden nächsten Schritte, die auf uns zukommen, nicht vorenthalten. Gerade in diesem Augenblick wachsen die Bäume, für die sich die beiden Governance-Modelle entschieden haben, in einer Baumschule von lokalen Akteuren heran. Sie wachsen und warten darauf, im Oktober dieses Jahres gepflanzt zu werden, doch bevor es zur Pflanzung kommt, lernen die Landwirt*innen im September, wie sie das Land für die Pflanzung vorbereiten. Der Startschuss für die Pflanzkampagne im Oktober wird ein großes Ereignis sein, bei dem die Bäume in den Boden kommen und wir verschiedene Reden von Vertreter*innen der Regierung und der lokalen Gemeinde hören werden. Besonders aufregend: Die nationalen Medien von Ruanda werden eingeladen, über die Veranstaltung zu berichten, und wer weiß, vielleicht wirst du sogar einen Artikel darüber in diesem Blog lesen – also bleib‘ dran!
Während die Bäume wachsen
In der Zwischenzweit werden die Stakeholder gemeinsam mit den Wissenschaftler*innen sozioökologische Erfolgsindikatoren definieren, die während der Experimente gemessen werden sollen, und gleichzeitig festlegen, wie diese beobachtet werden sollen. Beispiele für solche Erfolgsindikatoren könnten die Verbesserung der Ernährungssituation der lokalen Gemeinschaften sowie die Senkung der medizinischen Kosten sein. Bei der Renaturierung geht es nicht nur um Bäume, sondern auch um die Sträucher und andere Pflanzen, die neben ihnen angepflanzt werden und einen ernährungsrelevanten und medizinischen Wert haben. Zu den Arten, die diese Werte erfüllen und gepflanzt werden sollen gehören beispielsweise Albizia gummifera, Carapa grandiflora, Vernonia amygdalina, Milletia dura, Ricinus communis, Passionsfrucht, lokale Papaya, Avocado, Zitrone, Myrianthus und Chayote.
“Alle freuen sich auf das Buch” – Dr. William Apollinaire
Aufgepasst! Die Initiatoren des Living Labs schreiben derzeit auch ein Buch über Agroforstbäume in Westruanda und deren vielfältige Vorteile und Verwendungsmöglichkeiten. Das Buch wird insbesondere einheimische Arten und ihr Potential hervorheben, aber auch nicht-einheimische Arten einbeziehen, die ebenfalls für die Renaturierung von Ökosystemen nützlich sind. Behalte diesen Bereich im Auge, um in Zukunft weitere Informationen über das Buch zu erhalten. Mit der Veröffentlichung wollen die Autor*innen dazu beitragen, die lokale Bevölkerung und NGOs mit der großen Vielfalt an insbesondere einheimischen Bäumen zu verbinden, die ihnen zur Verfügung stehen.
Was passiert nach der Pflanzung?
Vergiss nicht, dass die Pflanzung von rund 80 % einheimischer Arten in den Experimenten sich stark von der üblichen Pflanzung nicht-einheimischer Bäume in Westruanda unterscheidet. Deshalb wird es besonders spannend sein, die Ergebnisse der Experimente zu sehen. Nach einiger Zeit werden die beiden Governance-Modelle verglichen und die Beteiligten vor Ort werden weiterhin einbezogen, indem sie lernen, wie man die Renaturierungsstandorte beobachtet. Das große Ziel ist, dass die Gemeinden am Ende die volle Verantwortung für die Renaturierung übernehmen und diese in Zukunft selbst weiter überwachen.
Es gibt noch eine letzte Sache, die wir dir mit auf den Weg geben möchten
Lass’ uns zurück zu dem Satz vom Anfang des Artikels gehen:
“Wenn du schnell vorankommen willst – geh allein. Wenn du weit kommen willst – geh gemeinsam.”
Wie du diesem Artikel wahrscheinlich entnehmen konntest, ist die Co-Creation der Renaturierung von Ökosystemen in erster Linie ein gemeinsamer Lernprozess. Das kann zwar lange dauern, aber es wird sich auf jeden Fall lohnen! Nur wenn alle Beteiligten einbezogen werden, wenn wir den Weg gemeinsam gestalten und beschreiten, wird das Ergebnis den Vorstellungen aller entsprechen. Oder, um es mit den Worten von Dr. William Apollinaire zu sagen: „So erreichen wir Erfolg bei der Hochskalierung und Weiterentwicklung der Renaturierungsexperimente von der Forschung zur Praxis!“
Vielen Dank fürs Lesen und hoffentlich bist du beim nächsten Update zum Living Lab in Rutsiro wieder dabei!
Wenn wir jetzt dein Interesse an der Renaturierung von Ökosystemen generell und im Westen Ruandas geweckt haben, empfehlen wir dir diesen Artikel des Social-ecological Systems Instituts der Leuphana über die fünf entscheidenden Herausforderungen für Wissenschaft und Praxis in der Renaturierung in ostafrikanischen Landschaften:: From Local Knowledge to Restoration Practice: Five Critical Frontiers for East African Landscapes | Ideas for Sustainability. Der Artikel bezieht sich auf einen kürzlich von dem Forschungsteam des Living Labs veröffentlichte Forschungsartikel.
Literatur:
Nyiramvuyekure, V., Fischer, J., Kaplin, B. A., Mukuralinda, A., & Temperton, V. M. (2026). Woody vegetation diversity remains low after extensive forest landscape restoration efforts in a western Rwandan landscape. Biological Conservation, 317, 111812. https://doi.org/10.1016/j.biocon.2026.111812
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