Jenseits des Ökosystems: Wie lokale Wahrnehmungen die Renaturierung von Grünland prägen

Die Wiederannäherung der Menschen an die Natur ist ein entscheidender Schritt angesichts des zunehmenden Verlusts der Artenvielfalt und des Klimawandels. Die Renaturierung von Grünland bietet einen vielversprechenden Weg, um dies zu erreichen. Wie Gray et al. feststellten: „Da die lokale Bevölkerung für den Erhalt der Artenvielfalt von zentraler Bedeutung ist und gleichermaßen von der Natur profitiert, sind transdisziplinäre und sozial-ökologische Ansätze zur Renaturierung der Schlüssel zu nachhaltigen Ergebnissen.“ Es ist wichtig, dass wir ein Verständnis dafür gewinnen, wie Menschen mit Grünland in Beziehung stehen und wie ihre individuellen Wahrnehmungen diese Beziehungen prägen. Wie sehen also diese die Beziehungen beeinflussenden Wahrnehmungen aus? Das wollten die Autor*innen herausfinden.


Dieser Artikel wurde ursprünglich von Molly Parker auf dem Blog des Instituts Sozial-Ökologischer Systeme der Leuphana veröffentlicht und befasst sich mit der Studie von Gray et al. (2026) „Multifaceted landscapes for grassland restoration: exploring individual perceptions on grasslands through photovoice“ (vollständige Zitation am Ende dieses Beitrags).

Abbildung 1. Vereinfachte Darstellung eines sozial-ökologischen Systems (gepunktete Pfeile) mit sozial-ökologischer Renaturierung im Zentrum (in Anlehnung an Bennett, 2016; Kibler et al., 2018; Grenni et al., 2020). Die transdisziplinäre sozial-ökologische Renaturierung zielt darauf ab, einen positiven Rückkopplungskreislauf (durchgezogene Pfeile) zu etablieren: Einerseits sollen lokale Werte und Bedeutungen (z. B. Ortsverbundenheit) [a] genutzt werden, um Fürsorge und die gemeinsame Erarbeitung von Wissen zu fördern und dadurch das Engagement und die Handlungsfähigkeit zu stärken [b]. Andererseits sollen Wirkungen zur Verbesserung der ökologischen Bedingungen [c] erzielt werden, damit das gesunde Ökosystem weiterhin Nutzen stiften kann [d]. Mit der „Photovoice“-Methode wollten die Forscher*innen die individuellen Wahrnehmungen lokaler Akteure erfassen; daher ist der Fokus in der Veröffentlichung auf den sozialen Rückkopplungskreislauf, der durch [a] und [b] dargestellt wird.

Diese Untersuchung wurde in einem Reallabor zur sozial-ökologischen Renaturierung von Grünland in Mitteldeutschland im Biosphärenreservat im südlichen Harz durchgeführt. Mithilfe der Photovoice-Methode und begleitender halbstrukturierter Interviews während Spaziergängen führten die Autor*innen eine sozial-ökologische Intervention im Rahmen des Reallabors durch, indem sie die Dorfbewohner*innen und Anwohner*innen aus der Umgebung einbezogen. Die Photovoice-Übung zielte nicht darauf ab, ökologische Daten zu erheben, sondern vielmehr darauf, die individuellen Wahrnehmungen der lokalen Akteure zu erfassen.

Die Fotos hielten Bedeutung und Aussagekraft in einer verständlichen und kreativen Form fest, die die Forscher*innen anschließend kodierten und kategorisierten. Auf diese Weise zeigten die Ergebnisse verschiedene Wahrnehmungen und Wertvorstellungen der Teilnehmer*innen des Reallabors in Bezug auf Grünland und Biodiversität in ihrer lokalen Landschaft. Die Analyse ergab drei Narrative, die für die sozial-ökologische Grünlandrenaturierung relevant sind:

1. Grünlands als bedeutendes Landschaftselement. Die Teilnehmer*innen schätzten Grünland als Teil eines umfassenderen Mosaiks der Kulturlandschaft, das sie mit der lokalen Geschichte, ihrer Identität und ihrem Ortsgefühl verbindet. Die ästhetische Schönheit der offenen Landschaft war dabei besonders wichtig.

      Abbildung 2. Beispiele für „Photovoice“-Beiträge zu Grünland als bedeutungsvolles Landschaftselement.

      2. Sozial-ökologische Prozesse. Grünland wurde im Zusammenhang mit Bäumen und Sträuchern betrachtet, wobei weitgehende Unsicherheit darüber herrschte, inwieweit menschliches Eingreifen der Biodiversität zugutekommt. Die meisten erkannten zwar an, dass die Bewirtschaftung eine Rolle spielt, doch reichten die Perspektiven von einer aktiven Pflege bis hin zum „der Natur ihren Lauf lassen“. Grünland bot sowohl einen instrumentellen Wert (Futter, Lebensgrundlagen) als auch einen relationalen Wert (Erholung, Wohlbefinden).

      3. Unbekanntes Leben im Grünland. Obwohl die meisten Teilnehmer*innen der Meinung waren, die Artenvielfalt sei „ausreichend“, konnten sie nicht einschätzen, welche Arten vorhanden waren und welche fehlten. Ältere Anwohner*innen erinnerten sich an Arten, die verschwunden waren, doch jüngeren Teilnehmer*innen fehlte dieses Hintergrundwissen, was auf eine Wissenslücke hindeutet, die dazu führen könnte, dass das Ausmaß des Verlusts unterschätzt wird.

      Diese Narrative vermitteln ein Verständnis für die lokalen Beziehungen zwischen Mensch und Natur und regen zur Diskussion darüber an, wie diese Erzählungen das lokale Verantwortungsbewusstsein fördern und neue Wege für die sozial-ökologische Renaturierung ebnen könnten. Sie legen nahe, dass Renaturierungsbemühungen erfolgreich sein können, wenn sie auf bestehenden Landschaftswerten und dem Gefühl der Verbundenheit mit dem Ort aufbauen, den Dialog über die Beziehungen zwischen Mensch und Natur fördern und Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung schaffen, die die Verbundenheit der Menschen mit dem Schutz von Grünland stärken..

      Zitation:
      Konrad Gray, Anita Kirmer, Miguel Á. Cebrián-Piqueras, Vicky M. Temperton, Joern Fischer & Jacqueline Loos (2026) Multifaceted landscapes for grassland restoration: exploring individual perceptions on grasslands through photovoice, Ecosystems and People, 22:1, 2664493, DOI: 10.1080/26395916.2026.2664493


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