Sozial-ökologisches Denken gefragt – Wie Grünlandrenaturierung gelingen kann

Du bist Forscher*in, Naturschützer*in oder einfach nur Liebhaber*in von Grünland und wünscht dir einen Leitfaden dafür, wie man dieses erfolgreich renaturiert? Perfekt, dann bist du hier genau richtig! Erinnerst du dich noch an das Grassworks-Projekt? Richtig, das Projekt, das aus einer sozial-ökologischen Perspektive untersucht hat, was in Deutschland zum Erfolg bei der Renaturierung von Grünland führt. Nachdem im vergangenen Jahr bei der Abschlussveranstaltung des Grassworks-Projekts in Berlin die wichtigsten Ergebnisse vorgestellt wurden, haben Temperton et al. (2025) nun einen Forschungsartikel veröffentlicht, der einen Rahmen für die erfolgreiche Renaturierung von Grünland bietet und nichts Geringeres als einen dringend benötigten Leitfaden für Renaturierungsbemühungen in sozial-ökologischen Kontexten weltweit liefert.

Ein kurzer Rückblick: Warum brauchen wir die Renaturierung von Grünland?

Extensiv bewirtschaftete Grünlandflächen sind nicht nur oft artenreich und erfüllen eine Vielzahl unterschiedlicher Ökosystemfunktionen, von denen auch wir Menschen profitieren, sondern sie wurden zudem im Vergleich zu anderen Lebensraumtypen vernachlässigt und übernutzt (Kan et al. 2026). Weltweit sind sie durch Zerstörung infolge von Landnutzungsänderungen sowie durch Degradation gefährdet; in weiten Teilen Europas gehören sie zu den am stärksten bedrohten Lebensraumtypen. Alarmierenderweise ist in 75 % der nach EU-Recht geschützten Grünlandschaften ein Rückgang der biologischen Vielfalt zu verzeichnen, wobei Arten verloren gehen, die speziell an offene Ökosysteme wie Grünland angepasst sind. Um den Trend des Biodiversitätsverlusts wieder umzukehren und internationale Verpflichtungen wie das EU-Gesetz zur Widerherstellung der Natur zu erfüllen, müssen wir unsere Anstrengungen zur Ausweitung der ökologischen Wiederherstellung in allen Dimensionen verstärken.

Der Erfolg von Renaturierung ist sozial-ökologisch – nicht nur ökologisch

Damit ist die soziale Dimension nicht nur ein „nettes Extra“, sondern ein wichtiger Faktor für den Erfolg der Renaturierung. Wildblumenwiesen sind durch die Umwandlung in Ackerland, durch Aufforstung im Rahmen von Klimaschutzmaßnahmen sowie durch die städtische Entwicklung bedroht. Wir wissen, dass das Ausmaß, in dem Menschen artenreiche natürliche Lebensräume als wichtig oder renaturierungs- bzw. schutzwürdig erachten, oft davon abhängt, wie vertraut sie mit diesen Lebensräumen sind oder welche Verbindung sie zu ihnen haben. Eine transdisziplinäre Untersuchung im Rahmen des Grassworks-Projekts zu den Werten, die Menschen mit Grünland und dessen Renaturierung verbinden, zeigte einen Anstieg relationaler Werte im Laufe der Zeit, da die Akteure an Gruppendiskussionen und einem Austausch über verschiedene ökologische und soziale Facetten des Grünlands teilnahmen. Nach einem Prozess der gemeinsamen Entwicklung von Maßnahmen zur Renaturierung in einem Reallabor (mehr dazu später) wurden intrinsische Werte in Bezug auf Grünland weniger betont, während relationale Werte für die Akteure an Bedeutung gewannen. Solche relationalen Werte stehen oft in engem Zusammenhang mit der Motivation von Akteuren oder Interessengruppen, im Naturschutzbereich aktiv zu werden. Dennoch werden sie jedoch in Forschung und Praxis meist nicht berücksichtigt.

Der Forschungsansatz von Grassworks

Das Projekt basierte auf der Hypothese, dass eine erfolgreiche Renaturierung nur dann erreicht werden kann, wenn sowohl die ökologische Komplexität als auch das Engagement der Interessengruppen hoch sind. Um dies zu untersuchen, verglichen die Forscher*innen bereits renaturierte Gebiete mit positiven und negativen Referenzstandorten in drei verschiedenen Regionen von Nord- bis Süddeutschland unter Verwendung des Ansatzes eines natürlichen Landschaftsexperiments. Innerhalb jeder Region entwickelten sie eine nachträgliche Bewertung, um die wichtigsten Faktoren zu analysieren, die den Erfolg der Renaturierung beeinflussen. Darüber hinaus wurden in Reallaboren in allen drei Regionen gemeinsam mit lokalen Interessengruppen Renaturierungsmaßnahmen konzipiert und umgesetzt.

In jeder Region wurden etwa 40 bereits renaturierte Grünlandstandorte untersucht und mit 10 positiven (artenreichen) sowie 10 negativen (degradierten) Referenzstandorten verglichen. Darüber hinaus wurden in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren Reallabore eingerichtet.

Was wurde gemessen?

Um zu verstehen, was den Erfolg von Renaturierungsmaßnahmen wirklich ausmacht, sammelten die Forscher*innen ein breites Spektrum an Daten: ökologische Variablen, landschaftsbezogene, wirtschaftliche sowie sozial-ökologische Aspekte. Aus ökologischer Sicht bewerteten die Forscher*innen die Pflanzenvielfalt, die Vegetationsstruktur, die Bodeneigenschaften sowie das Vorkommen von Schmetterlingen und Wildbienen. Da Renaturierung niemals isoliert stattfindet, wurde auch untersucht, wie sich jeder Standort in die umgebende Landschaft – also in deren Vielfalt, Beschaffenheit und landnutzungsbezogenen Kontext – einfügt. Wirtschaftliche Faktoren wie Renaturierungskosten, Finanzierungsinstrumente und Management wurden mittels Fragebögen erfasst. Und nicht zuletzt untersuchte das Grassworks-Team die Wahrnehmungen und Wertvorstellungen der Interessengruppen hinsichtlich der Renaturierungsansätze.

Welche Rolle spielen Reallabore für den Erfolg von Renaturierung?

Im Rahmen des Projekts wurden Reallabore zu Orten, an denen die gemeinsame Gestaltung von Renaturierungsmaßnahmen in die Tat umgesetzt wurde. Als Kernstück der sozial-ökologischen Dimension bringen Reallabore Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und lokale Gemeinschaften in offenen Räumen zusammen, um auf experimentelle Weise gemeinsames Lernen zu fördern. Jede der drei Regionen verfügte über ein eigenes, an die lokalen Gegebenheiten angepasstes Reallabor – von partizipativen Workshops im Norden Deutschlands über Citizen-Science-Programme und partizipative Pilotaktionen im Zentrum bis hin zur Einrichtung eines Online-Forums im Süden. Diese Räume zeigen, dass es bei der Renaturierung von Grünland nicht nur um die Ökologie geht, sondern auch um das Vertrauen und die Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Reallabore schaffen soziale Verbindungen sowie gemeinsame Ziele und Verständnisse, die zu einer höheren Akzeptanz von Renaturierungsmaßnahmen führen.

Was passiert hinter den Kulissen von Grassworks?

Das Besondere an dieser Veröffentlichung von Temperton et al. ist, dass die Forscher*innen Überlegungen zu verschiedenen Schritten des Prozesses einfließen ließen, um die Forschung übertragbarer zu machen. So reflektieren sie beispielsweise die Auswahl der renaturierten Standorte, wobei ihnen schnell klar wurde, dass sich die Grünlandflächen in den verschiedenen Regionen Deutschlands stark voneinander unterscheiden. Das Team strebte eine ausgewogene Auswahl an Standorten an, musste sich jedoch mit dem begnügen, was die verschiedenen Gebiete zu bieten hatten. Überraschenderweise war die Suche nach geeigneten Referenzstandorten noch schwieriger als erwartet. Das ursprüngliche Ziel war es, jeden renaturierten Standort mit einem positiven und einem negativen Referenzstandort zu vergleichen, doch dies erwies sich als nicht realisierbar, da artenreiche Referenzstandorte in Deutschland offenbar eher selten geworden sind. Die Suche nach degradierten Standorten gestaltete sich jedoch noch schwieriger, da die Landbesitzer*innen interessanterweise zögerten, Grünland mit geringer Artenvielfalt zur Verfügung zu stellen. Diese Erkenntnisse erinnern uns daran, warum gesellschaftlich akzeptierte großflächige Renaturierungen dringend erforderlich sind.

Implikationen für die Praxis: Was ist die Take-Home Message?  

Das Allerwichtigste: Wir brauchen groß angelegte Projekte wie Grassworks, die an vielen Standorten ein breites Spektrum an Faktoren untersuchen, sodass wir fundiertere Schlüsse darüber ziehen können, was bei der Renaturierung zum Erfolg führt. Ebenso geht es bei der Renaturierung nicht nur darum, Samen zu säen oder Veränderungen an biophysikalischen Komponenten oder der Biodiversität vorzunehmen – es geht um Vertrauen, Verbundenheit, Motivation und die Zusammenarbeit der Menschen. Um dies zu erreichen, ist ein kooperativer, lokal angepasster Ansatz am effektivsten, der die Machtverhältnisse zwischen allen Akteuren kritisch reflektiert. Ja, ein sozioökologischer Ansatz wie der des Grassworks-Projekts erfordert ein hohes Maß an Offenheit, Austausch und Zeit, aber der Aufwand lohnt sich! Die transdisziplinäre Berücksichtigung der sozialen und politischen Dimensionen der Renaturierung ist entscheidend für die Ausweitung der Bemühungen. Die Reallabore zeigen uns, wie eine gemeinsame Gestaltung des Prozesses zu einer besser akzeptierten und nachhaltigeren Renaturierung führen kann, und genau das brauchen wir, wenn wir den Erfolg dabei höherschrauben wollen.

Bleib dran – Grassworks ist noch in Arbeit

In den kommenden Wochen werden mehrere wichtige Veröffentlichungen von Grassworks in wissenschaftlichen Fachzeitschriften erscheinen, darunter eine zentrale Studie zu den Auswirkungen verschiedener Renaturierungsmethoden auf die Vegetationsentwicklung sowie ein Artikel über die Werte, die Menschen Grünlandflächen der Landschaft. Also bleib‘ dran – und schau mal auf der Grassworks-Website vorbei für aktuelle Informationen zu den Veröffentlichungen. Wenn du in der Zwischenzeit mehr über den Ansatz und die Reflexionen der Forscher*innen über den Prozess erfahren möchten, findest du den Artikel von Temperton et al. (2025) hier: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/rec.70109

Literatur:
Kan et al. (2026) Overlooked and overexploited: Extensive conversion of grasslands and wetlands driven by global food, feed, and bioenergy demand. PNAS. https://doi.org/10.1073/pnas.2521183123


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