Was passiert, wenn sich viele Expert*innen zusammentun, um die Kenntnis über die Verbreitung von Wildbienen in Niedersachsen zu verbessern? Nicht nur werden Arten gemeldet, die seit Langem als verschollen im Bundesland oder als besonders selten galten – darüber hinaus gelingen Nachweise von Arten, die noch nie zuvor hier erfasst wurden! Die in mehreren Forschungsprojekten über viele Jahre gesammelten Daten von Fachleuten aus ganz Niedersachsen wurden kürzlich in der Zeitschrift Artenfocus Niedersachsen veröffentlicht. Der Fokus dieser Veröffentlichung lag auf 40 bemerkenswerten Wildbienenarten, deren aktuelle Funde detailliert vorgestellt werden. Mit von der Partie war die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Ökologie-Instituts der Leuphana Swantje Grabener. Ihr haben wir den nordwestlichsten Fund der Sandrasen-Schmalbiene in Niedersachsen zu verdanken. Was es mit diesem Nachweis auf sich hat und warum diese Zusammenarbeit so besonders ist, erfahrt ihr in diesem Blog-Post!
Alle Lupen auf den Wildbienen Niedersachsens
Durch die sich ändernden Umweltbedingungen verändern sich die Zusammensetzungen von Lebensgemeinschaften und es ändern sich die Verbreitungsareale von Arten. Es ist wichtiger denn je, valide Daten zu Verbreitung und Häufigkeit sichtbar zu machen, dieses Wissen zu teilen und Menschen für die Erfassung und den Schutz der biologischen Vielfalt zu begeistern. In Zeiten von einer immer größer werdenden Datenverfügbarkeit bei gleichzeitig geringer werdenden Datenqualität durch unsichere Bestimmungen von Wildbienen durch KI-gestützte Tools in globalen Datenbanken braucht es sicher validierte Beobachtungen und nachvollziehbare Nachweise von Arten. Um dies zu ermöglichen, haben sich viele Expert*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammengetan und mit ihrer Veröffentlichung die Kenntnis über die Wildbienen-Fauna in Niedersachsen erweitert. Mit dabei waren unter anderem Fachleute der Biologischen Schutzgemeinschaft Göttingen, des Julius Kühn-Instituts Braunschweig, der Universitäten Göttingen, Hamburg und Lüneburg, der Biosphärenreservatsverwaltung Niedersächsischen Elbtalaue, des NLWKN sowie freiberufliche Expert*innen. Du siehst: Die Liste der Mitwirkenden ist lang und dass dies eine Besonderheit ist, findet auch der freiberufliche Wildbienen-Experte Rolf Witt:
„Die vorliegenden Ergebnisse sind von großer Bedeutung für die Aktualisierung der inzwischen völlig veralteten Roten Liste Niedersachsen und Bremen, die momentan von uns erarbeitet wird. Seit über 40 Jahren, in denen ich mich mit Wildbienen beschäftige, ist es das erste Mal, dass sich eine so große Personengruppe für eine gemeinsame Veröffentlichung zusammengefunden hat. Das ist eine optimale Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige, neue Rote Liste.“
Viele Menschen – Viele Wildbienenentdeckungen
Die Veröffentlichung, die das Resultat dieser besonderen Zusammenarbeit darstellt, präsentiert 40 Wildbienenarten. Sieben davon wurden in diesem Zuge zum ersten Mal für Niedersachsen nachgewiesen und viele sind Wiederfunde, die zuletzt vor dem Jahr 2000 hier gefunden wurden. Ganze 29 der vorgestellten Wildbienen-Arten wurden bisher kaum nachgewiesen und viele von ihnen sind extrem selten und als hochgradig bestandsgefährdet anzusehen. Durch die Arbeit unserer Taxonom*innen sind somit zu diesem Zeitpunkt ganze 395 Wildbienenarten aus Niedersachsen bekannt.
Doch nicht „nur“ ausgebildete Wildbienen-Expert*innen waren an diesem wertvollen Beitrag zum Verständnis seltener Wildbienen beteiligt. Auch entstanden die Artennachweise im Rahmen von studentischen Abschlussarbeiten und erstmals wurden Meldungen der großen Citizen-Science-Plattformen „iNaturalist“ und „Observation.org“ in großem Umfang ausgewertet. Ebendiese Arbeiten und Entdeckungen ehrenamtlicher, wildbienenbegeisterter Bürger*innen leisten einen wertvolleren Beitrag für Naturschutz, als so manch eine*r vielleicht denken würde.

Stumpfe Zweizahnbiene (Dioxys cinctus) an einer Nisthilfe für Wildbienen, die Art wurde bei Braunschweig erstmals für Niedersachsen nachgewiesen. Der Erstnachweis wurde über das Citizen Science-Portal „iNaturalist“ gemeldet. (Foto: Dr. Jakob Fahr)
Der „Leuphana-Fund“ des Jahrhunderts
Wir schreiben das Jahr 2017…
Swantje Grabener ist im Feld unterwegs, gerade dabei, einer Studentin zu erläutern, wie ein kleiner dunkler Punkt (sie erkennt eine Wildbiene) auf einem Rainfarn mit einem Kescher standardisiert eingefangen wird. Die Bestimmung der Art entpuppt sich als schwerer als gedacht. Das Tier ist winzig und die Bestimmung muss erst von einem international angesehenen Wildbienen-Taxonomen validiert werden, bis feststeht: Es ist Lasioglossum aeratum, eine Art, die in Deutschland als gefährdet eingestuft ist und bis 2012 als verschollen galt, denn davor wurde die Art zuletzt im Jahr 1900 in Niedersachsen nachgewiesen. Mit diesem Fund in Bispingen erbrachte Swantje Grabener noch dazu den nordwestlichsten Nachweis der Sandrasen-Schmalbiene in Niedersachsen. Möglicherweise ein Zeichen dafür, dass sich in letzter Zeit das Verbreitungsgebiet der Art gen Norden verschiebt aufgrund der durch den Klimawandel steigenden Temperaturen. Nicht nur die Sandrasen-Schmalbiene, sondern auch einige andere in der Studie präsentierte, besonders wärmeliebende Arten der Wildbienen verschieben oder weiten ihr Areal aktiv in Richtung Norden aus.
Das 2017 von Swantje Grabener entdeckte Exemplar der Lasioglossum aeratum. (Foto: Swantje Grabener)

Ein dringendes Update der Roten Listen
Diese und andere Folgen des Klimawandels auf die Wildbienen sind Teil der Gefährdungsfaktoren, deren Analyse für die Erstellung von Roten Listen gefährdeter Arten von großer Bedeutung ist. In diesem Augenblick werden die Roten Listen der Wildbienen für Niedersachsen und auch in Deutschland überarbeitet und dafür leistet die Publikation einen wichtigen Beitrag, mit Daten, die unerheblich für die Gefährdungseinstufung unserer Wildbienen sind. Dies ist insbesondere deshalb so wichtig, da die taxonomische Expertise, die es braucht, um Arten wie die Sandrasen-Schmalbiene sicher bestimmen zu können, nicht so weit verbreitet ist, wie sie es wünschenswert wäre. Nicht umsonst gibt es auch eine Rote Liste der Insekten-Taxonom*innen, die den Appell zur Verbreitung des Wissens über diese wichtigen Tiere in die Welt tragen soll.
Weitere wichtige Listen …
… sind diejenigen der Gefährdungsfaktoren für Wildbienen und der wiederrum nötigen Schutzmaßnahmen. Viele der in der Studie präsentierten Arten wurden in Schutzgebieten nachgewiesen. Das sollte uns nicht verwundern, denn dort zeigt sich im Vergleich zu ungeschützten Gebieten eine höhere Diversität an Wildbienen. Außerhalb der Schutzgebiete – da, wo der Verlust von Lebensräumen nach wie vor voranschreitet – sieht die Realität unserer kleinen Freunde jedoch ganz anders aus. Die Liste der Ursachen für diesen sich verschlechternden Zustand ist lang: Landnutzungsveränderungen durch intensivierte Bewirtschaftung, Fragmentierung und Isolation der Lebensräume, Beeinträchtigung der Nahrungsressourcen und Nistplätze – um nur einige zu nennen. Genauso lang wie der Liste der Gefährdungen, wenn nicht sogar um einiges länger, sollte nun also die Liste der Schutzmaßnahmen sein, die diese Faktoren adressieren.
Prioritäten setzen: was es braucht, um gefährdete Wildbienenarten zu schützen
Die Wildbienen-Expert*innen unseres Vertrauens haben da einige Ideen, was nötig wäre, um den Schutz der Wildbienen anzukurbeln. So fehlt es in Niedersachsen bisher an behördlich finanzierten Artenschutzprogrammen, um akut vom Aussterben bedrohte Arten gezielt schützen zu können. Genauso bräuchte es gezielte, von den Behörden beauftragte Erfassungen, ganz nach dem Vorbild des Arten- und Biotopschutzprogramms in Baden-Württemberg, welches mit umfangreichen Kartierungen und Maßnahmen für sehr gefährdete Wildbienen den Weg zu ihrem Schutz voranschreitet. Nicht zuletzt sollten die Wildbienenarten mit den höchsten Gefährdungseinstufungen in die sogenannten „Prioriätetenlisten der Arten und Lebensraum-/Biotoptypen mit besonderem Handlungsbedarf“ des NLWKN aufgenommen werden. Auf diese Weise stünden in Zukunft wichtige Mittel zu ihrem Schutz zur Verfügung.
Jeder Fund zählt
Letztendlich ist es auch die Verbreitung des taxonomischen Wissens, wie durch diese Zusammenarbeit vieler verschiedener Akteure, die uns in den Bemühungen für den Schutz von Wildbienen große Schritte nach vorne bringt. Ihre Funde tragen zur Überarbeitung der Roten Listen bei, bilden eine Grundlage für Schutzmaßnahmen und das Beste dabei: Auch du kannst über Citizen-Science-Plattformen ganz einfach deinen Beitrag leisten (oder deine Abschlussarbeit in der Tierökologie schreiben 😉). Damit in Zukunft die Zahl der nachgewiesenen Wildbienenarten – in Niedersachsen, Deutschland und auf der ganzen Welt – wächst und durch effektiven Schutz die Zahl der Gefährdungseinstufungen schrumpft!

Eine männliche Schwarzflügelige Düsterbiene (Stelis phaeoptera). Die Art ist in Niedersachsen sehr selten und nur sehr lokal verbreitet. (Foto: J. Wübbenhorst)
Wenn du mehr über die in der Publikation präsentierten Arten herausfinden willst, dann findest du die Veröffentlichung in der dritten Ausgabe der Zeitschrift: Artenfocus Niedersachsen | Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz
Die Wildbienen haben es dir angetan und du willst mehr darüber wissen, warum sie und Wespen so wichtig sind, welche Rolle Nisthilfen in ihrem Schutz spielen und wie die Verbreitung taxonomischer Perspektive durch Bestimmungshilfen gelingen kann? Dann schau‘ mal in diesem Artikel unseres Blogs vorbei: Auf der Spur von Wildbienen und Wespen in Nisthilfen – Eine Bestimmungshilfe – Ökologische Forschung der Leuphana Universität Lüneburg
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