Auf der Spur von Wildbienen und Wespen in Nisthilfen – Eine Bestimmungshilfe

Im Frühjahr 2026 erschien sie – die vollständig überarbeitete Neuauflage des Bestimmungsschlüssels für Wildbienen und Wespen in Nisthilfen, herausgegeben vom Johann Heinrich von Thünen-Institut in Braunschweig. Eine der Erstautorinnen ist Swantje Grabener, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ökologie der Leuphana in der AG Tierökologie. Der Ratgeber widmet sich der Bestimmung hohlraumbewohnender Wildbienen und Wespen – welche man in künstlichen Nisthilfen finden kann – sowie ihrer natürlichen Feinde. Warum diese Insekten sowie deren Bestimmung und Dokumentation so wichtig sind, erfährst du in diesem Artikel!

Eine Mauerbiene (Osmia sp.) im Anflug auf eine Holznisthilfe. Foto: © Lara Lindermann.

Ein Weckruf für den Insektenschutz

Herbst 2017. Die sogenannte „Krefeld-Studie“ wird veröffentlicht und in der Folge passiert etwas, was vorher noch keine vergleichbare Studie oder Roten Liste gefährdeter Arten nach sich gezogen hat: Das Thema „Insektenrückgang“ erreicht die Gesellschaft und ein gesteigertes Engagement für den Schutz von Insekten und ihren Lebensräumen entfacht. Doch das im Zuge einer schlechten Nachricht: Stand 2017 war in den vorangehenden 27 Jahren die Biomasse flugfähiger Insekten in bestimmten Naturschutzgebieten um mehr als 75 % zurückgegangen. Diese Hiobsbotschaft bringt Einiges ins Rollen. Vielleicht hast du schon von dem erfolgreichen Volksbegehren in Bayern für Artenvielfalt gehört. Daraufhin folgten ähnliche Initiativen in anderen Bundesländern und Monitoringprogramme wurden ins Leben gerufen, um langfristige Trends erfassen, die Ursachen des Insektensterbens ergründen und effektive Maßnahmen entwickeln zu können. Sogar ein nationales Monitoringzentrum und ein Insektenschutzgesetz wurden auf die Beine gestellt.

Insekten-Monitoring: nicht nur etwas für Forscher*innen

Auch in der nicht-forschenden Bevölkerung entflammte ein Herz für Insektenschutz und Citizen-Science-basierte Projekte gewannen an Zuspruch. Mithilfe dieser Projekte kann jede Person, egal ob Insektenexpert*in oder einfach naturbegeistert, Daten sammeln und dabei helfen, die Kenntnis über die Verbreitung und Häufigkeit von Insekten zu erweitern. Selbst die berühmte Krefelder Studie wurde mithilfe von Ergebnissen jahrelanger Citizen Science verfasst. Bestimmungshilfen, wie die für Wildbienen und Wespen in Nisthilfen, spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle, aber dazu später mehr.

Warum sind Wildbienen und Wespen so wichtig?

Auch die Protagonisten dieser Bestimmungshilfe spielen eine wichtige Rolle, da sie wichtige Ökosystemfunktionen, wie Bestäubung und Schädlingsregulation, erfüllen und damit für den Erhalt stabiler Ökosysteme wichtig sind. Lasst uns zuerst einen genaueren Blick auf die über 600 Wildbienenarten in Deutschland werfen. Viele von ihnen fungieren als wichtige Bestäuber in ihren Lebensräumen. Doch nicht „nur“ das! Zugleich tragen sie wesentlich dazu bei, dass wir eine vielfältige Ernährung haben, denn über 70 % aller Kulturpflanzenarten sind entweder teilweise oder komplett auf die Bestäubung von Insekten angewiesen. Das heißt konkret: Gäbe es keine Insekten mehr, hätten wir hierzulande beispielsweise deutlich weniger Erträge von unseren Erdbeeren, Kirschen, Kürbissen oder Tomaten.

Ein Männchen der Garten-Blattschneiderbiene (Megachile willughbiella) wartet auf ein Weibchen. Foto: © Lara Lindermann.

Die Einleitung der Bestimmungshilfe erklärt:

Während Wildbienen als pelzige Bestäuber in der Gesellschaft viel Sympathie genießen, verbinden viele Menschen den Begriff „Wespen“ oft mit ungeliebten Gästen, die uns im Spätsommer beim Kuchenessen lästig werden. Doch ein Blick über den Tellerrand zeigt, dass wehrstacheltragende (aculeate) Wespen wertvolle natürliche Schädlingsbekämpfer sind. Denn der Wespen-Nachwuchs wird je nach Art beispielsweise mit Käferlarven, Schmetterlingsraupen oder Blattläusen versorgt.

Eine solitäre Faltenwespe (Ancistrocerus sp.) macht eine Pause.

Die aktuelle Rote Liste gefährdeter Arten macht deutlich, wie wichtig der Schutz dieser Tiere ist. Laut ihr gilt etwa die Hälfte aller Bienenarten und 46 % der 630 wehrstacheltragenden Wespen in Deutschland als gefährdet, wenn nicht sogar als verschollen. Gleichzeitig ist die Datenlage lückenhaft. Deshalb ist es umso bedeutender, taxonomische Expertise über sie in die Gesellschaft zu tragen. Doch diese Expertise fehlt heutzutage in der breiten Masse.

Nicht nur an Insekten mangelt es heute…

…, sondern auch an Menschen, die sie bestimmen können. Das zeigt die Europäische Rote Liste der Insekten-Taxonom*innen. Dabei braucht der Erhalt der Artenvielfalt unbedingt viele Menschen, die sich auch mit den Arten auskennen. Sie wissenschaftlich korrekt bestimmen können, ihre Verwandtschaftsverhältnisse und ökologische Rolle verstehen und in der Lage sind ihren Schutzstatus einzuordnen. In den letzten Jahrzehnten ist neben der Anzahl an Arten auch die Anzahl an Taxonom*innen gesunken, sodass sich ihre Expertise heute bei einzelnen Personen sammelt. Die Rote Liste der Insekten-Taxonom*innen ist ein Aufruf an alle Expert*innen, ihre Artenkenntnis in die Gesellschaft hinauszutragen, sowie ein Aufruf an die breite Öffentlichkeit, die Bedeutung der Taxonomie anzuerkennen und ihren langfristigen Fortbestand zu sichern. Genau dazu tragen Bestimmungshilfen bei!

Und damit sind wir wieder bei unserem Ratgeber zur Identifikation von Wildbienen und Wespen in Nisthilfen.

Wobei die Bestimmungshilfe hilft

In erster Linie hilft sie uns dabei, Artenvielfalt sichtbar zu machen. Zwar ist vielen Leuten die Relevanz von Wildbienen und Wespen bereits bewusst, doch bleiben viele Arten für das ungeübte Auge noch unsichtbar. Das Stichwort ist dabei „noch“, denn die Bestimmungshilfe holt diese Arten aus der Verborgenheit und gibt dir mehr Übung darin, sie zu erkennen und zu bestimmen.

Dabei sind nicht nur Wildbienen und Wespen die Protagonisten dieser kleinen Ökosysteme. Auch ihre Gegenspieler – die natürlichen Feinde, wie beispielsweise Goldwespen und Taufliegen, sind wichtig für den Erhalt des ökologischen Gleichgewichts. Deshalb beleuchtet der Ratgeber auch sie und zeichnet den Bestimmenden auf diese Weise ein vollständiges Bild der Geschehnisse in den Nisthilfen.

Eine dieser Gegenspieler: Eine Gewöhnliche Falten-Erzwespe (Leucospis dorsigera) an einer Holznisthilfe. Die Larven der Falten-Erzwespen leben als Parasitoide vor allem an Mauerbienen und Blattschneiderbienen. Im Gegensatz zu Parasiten töten Parasitoide ihre Wirte immer.

Apropos Nisthilfen!

Warum die Insekten, und somit auch wir, sie brauchen, wurde wahrscheinlich schon am Anfang dieses Artikels deutlich: Hochspezialisierte Arten, wie die der Wespen und Wildbienen, gehen deutlich zurück.

Aber warum eigentlich?

Einst schmückte unsere Landschaften ein vielfältiges Mosaik aus Weiden, Wiesen, Acker- und Brachflächen voll mit Hecken und Feldgehölzen – perfekte Bedingungen zum Nisten für die Gruppe der Stechimmen, zu der die Wildbienen und Wespen gehören. Doch heute sieht das Landschaftsbild oft ganz anders aus. Homogene Landschaften weit und breit, in denen durch intensive Landnutzung und -fragmentierung, chemische Dünger und forcierte Tier- und Pflanzenzüchtung bedeutsame Elemente für die Artenvielfalt verschwunden sind. So auch die Nistmöglichkeiten. Deshalb bringen Nisthilfen eine lange Reihe von Vorteilen mit sich. Nicht nur sind sie ein wertvolles Werkzeug für Forschung, Monitoring und Umweltbildung, auch werden sie von etwa 8 % der in Deutschland heimischen Wildbienen und sogar 19 % der Wespenarten als Bruthabitat angenommen! So wird mit den Nisthilfen inklusive ihrer Bestimmungshilfen ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der kleinen Tiere und für ein besseres Verständnis über ihre Diversität, Nahrungsressourcen und trophische Interaktionen geleistet.

So sehen passende Nisthilfen aus: Holznisthilfen (oben links); Nisthilfe-Brettchen einer Holznisthilfe in der Aufsicht (oben rechts); Nisthilfen aus Schilfröhrchen (unten links); geöffnete Schilfröhrchen (unten rechts).

Und so kannst auch du einen Beitrag leisten:

  1. Die Bestimmungshilfe hier herunterladen.
  2. Sie zur nächsten Nisthilfe in deinem Garten oder anderswo mitnehmen und diese dort überprüfen.
  3. Ganz wichtig: Deine Ergebnisse teilen! Viele Naturschutzinitiativen sammeln Beobachtungsdaten und deine Erkenntnisse durch das Bestimmen können zu lokalen Artenlisten und Schutzmaßnahmen beitragen. Die Tatsache, dass dieser Ratgeber zum Teil das Ergebnis aus dem Citizen-Science-Projekt „Nisthilfe-Patenschaft“ ist, macht deutlich, wie wichtig die Beteiligung Ehrenamtlicher ist.

Mehr als ein Fachbuch

Schlussendlich ist der Ratgeber nicht nur (d)ein Schlüssel zur Bestimmung, sondern auch der Schlüssel zur Tür in die faszinierende Welt von Wildbienen, Wespen und ihren Gegenspielern. Egal ob Einsteiger*in oder bereits aktive*r Nisthilfenbeobachter*in – der Schlüssel hilft dir dabei, die Artenvielfalt dieser bedeutenden Insekten in deinem Umfeld zu entdecken, besser zu verstehen und nicht zuletzt zu ihrem Schutz beizutragen. Je mehr Menschen in diese Welt eintauchen, desto kleiner wird die Rote Liste der Insekten-Taxonom*innen. Also: Auf ins Grüne und viel Spaß beim Kennenlernen und Schützen der hohlraumnistenden Wildbienen und Wespen Deutschlands!

Ein Männchen der Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis) wartet in einer Nisthilfe auf besseres Ausflugswetter. Foto: © Lara Lindermann.

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Zitation:
Grabener, S*., Lindermann, L*., Schiele, S*., Bendixen, L., Fornoff, F., Hopfenmüller, S., Stahl, J., Dieker, P. (2025) Wildbienen und Wespen in Nisthilfen bestimmen: ein Bestimmungsschlüssel für Deutschland. 2., vollst. überarb. Neuaufl. Thünen Ratgeber 10. Johann Heinrich von Thünen-Institut, Braunschweig. https://doi. org/10.3220/253-2025 168

*Erstautorinnen

Alle Fotos stammen aus der Bestimmungshilfe, die Urheber*innen sind auf der letzten Seite angegeben.

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